02.08.2016
Thomas Drozda: "Schwierigster Vorgang meiner Amtszeit" (in: "Salzburger Nachrichten")

Salzburger Nachrichten (SN): Was wussten Sie am 26. Juli anderes als am 14. Juli? Warum haben Sie das 1. Mal für Agnes Hussleins Bleiben entschieden, das 2. Mal für Neuausschreiben?

Thomas Drozda: Das waren 2 unterschiedliche Sachverhalte. Vor rund 2 Wochen hatte ich zu entscheiden, ob ich Frau Husslein sofort abberufe. Dafür gab es keine juristische Rechtfertigung, weil etwaige Entlassungsgründe verwirkt waren. Dies hat mir das Kuratorium auf Basis eines Rechtsgutachtens vorgetragen, dem hatte ich zu folgen. Daher bleibt der jetzige Vertrag bis Ende 2016 gültig. Mir geht es jetzt um eine strukturelle, organisatorische und personelle Neuaufstellung – daher wird neu ausgeschrieben.

SN: Welche Entlassungsgründe waren das?

Thomas Drozda: Vor allem die behaupteten Dienstreisen zwischen Kärnten und Wien, die seit Jahren gepflogen wurden. Dazu gab es ein Einverständnis des Kuratoriums. Alle Kuratoriumsmitglieder haben das gewusst. Und die vormalige Stellvertreterin Frau Hussleins hat jahrelang jeden dieser Belege (für Kärnten-Wien-Fahrten, Anmerkung) abgezeichnet; auch das ist befremdlich.

SN: Aber Frau Gruber-Mikulcik war zunächst nur Prokuristin, der die alleinige Geschäftsführerin Belege vorgelegt hat. Man könnte das auch als Weisung verstehen.

Thomas Drozda: Das Weisungsrecht geht nicht so weit, dass es rechtswidrige Vorgänge umfasst! Aber das ist jetzt alles verschüttete Milch. Faktum ist, dass für eine Abberufung die Rechtsgründe gefehlt haben. Frau Husslein war in vieler Hinsicht eine erstklassige Direktorin und hat viel geleistet.

SN: Wird das Ministerium bei Frau Husslein oder beim Kuratorium Regress nehmen – etwa für Honorare an Anwälte und Wirtschaftsprüfer?

Thomas Drozda: Da möchte ich mich auf keine juristische Diskussion einlassen. Ich kann nur sagen: Das war der unangenehmste und schwierigste Vorgang in meiner bisherigen Amtszeit. Ich hätte Frau Hussleins Vertrag vor 5 Wochen gern verlängert, weil ich ihre nach außen sichtbare Arbeit schätze. Ich sehe keinen Sinn, einen Vertrag zu verlängern und sich sehenden Auges auf jahrelange Diskussionen einzulassen.

SN: Sie haben erst reagiert, als das, was Sie "Diskussion" nennen, schärfer wurde?

Thomas Drozda: Nein. Es gab einen Bericht über Compliance-Verstöße sowie ein Rechtsgutachten, das darlegt, dass das Dienstverhältnis nicht vorzeitig zu beenden ist. Es gibt auch eine Anzeige bei der Korruptionsstaatsanwaltschaft (durch die Prokuristin, Anmerkung). Mir geht es um eine Neuaufstellung in allen Organen, auch im Kuratorium. Dass ich als Minister und meine Sektionschefin nichts von Sitzungen des Kuratoriums wissen, ist absurd! Diese bis vor wenigen Tagen übliche mangelhafte Information habe ich für alle Bundesmuseen abgestellt. Immerhin fließen in die pro Jahr 130 Steuermillionen.

SN: Wie viele Gutachten hat es gegeben, um die Vorwürfe gegen Agnes Husslein zu klären?

Thomas Drozda: Es gab eine Sonderprüfung der BDO samt juristischen Einschätzungen von Maxl & Sporn; dies hat das Kuratorium des Belvedere in Auftrag gegeben. Dazu gibt es ein Rechtsgutachten von Bernhard Hainz im Auftrag der Direktion des Belvedere und eines von Thomas Angermair (von der Kanzlei Dorda Brugger Jordis) im Auftrag des Bundeskanzleramts.

SN: Was kostet die mittlerweile berühmten 130.000 Euro?

Thomas Drozda: Die von BDO und Maxl & Sporn in Rechnung gestellten 130.000 Euro wird niemand zahlen. So ein Betrag ist nicht argumentierbar!

SN: Was kosten die anderen beiden Gutachten?

Thomas Drozda: Die beiden Gutachten von Hainz und Angermair kosten in Summe deutlich unter 10.000 Euro.

SN: Beim Belvedere zeigt sich Ähnliches wie bei Burgtheater und Kunsthalle Wien: Eigentümer oder Aufsichtsgremium dulden jahrelang oder bestätigen gar das, was sich als schlampiges Abrechnen, private Nutzung betrieblicher Ressourcen oder gar Malversationen herausstellt. Dann braucht man teure Gutachten, um das zu klären. Was läuft da schief im staatlichen Kulturbetrieb? Sind die Gremien zu sehr politisch dominiert?

Thomas Drozda: Wenn Sie wollen, bring ich Ihnen mindestens 30 Beispiele über Kontrollversagen aus der Privatwirtschaft! Da schreibt etwa ein französischer Investmentbanker eine Postkarte, auf der nur steht: "Sorry, Nick." Das war Nick Leeson von der Barings Bank.

Kontrollversagen ist kein Spezifikum von Kulturbetrieben. Ich bin selbst viel in Aufsichtsräten gesessen und kann Ihnen versichern: Solange Malversationen nicht große Dimensionen erreichen, hat ein Aufsichtsrat, der ein Mal im Quartal Berichte entgegennimmt, wenig Möglichkeiten. In den Bundestheatern wurde (nach dem Burgtheater-Skandal, Anmerkung) durch Stärkung der Holding richtig reagiert. Nun prüfen wir klare, transparente und nachvollziehbare Richtlinien zur Aufsicht und Kontrolle sowie weitere Verbesserungen für die Bundesmuseen.

SN: Was wollen Sie da mehr als Protokolle der Kuratorien einfordern? Haftungen?

Thomas Drozda: Die Protokolle der Kuratorien bekommen wir ab sofort. Das wird nicht der Höhepunkt sein. Ich lasse ein Weißbuch ausarbeiten, ob und wie die Bundesmuseen strukturell neu aufzustellen sind. Sektionschefin Andrea Ecker und Edelbert Köb (früherer Mumok-Direktor) werden mit Expertinnen und Experten diskutieren, die Direktorinnen und Direktoren einbinden und dann zu Vorschlägen kommen.

SN: Wo sehen Sie Defizite in den Bundesmuseen?

Thomas Drozda: Ich will dem Prozess nicht vorgreifen. Ich könnte mir vorstellen, dass einiges parallel läuft und dass Synergien möglich sind. Als 1. Schritt möchte ich einen gemeinsamen Wirtschaftsprüfer für alle Bundesmuseen bestellen – bisher wurde jedes Haus einzeln geprüft.

SN: Die Salzburger Festspiele bekommen ab September einen neuen Intendanten. Wohin legen Sie die Latte für Markus Hinterhäuser – außer hoch hinauf? Was sollte er erfüllen, dass Sie sagten: Weiterarbeiten!

Thomas Drozda: Es ist die allerhöchste Latte, die man legen kann! Das ist ihm nach seinen bisherigen Leistungen für die Salzburger Festspiele und die Wiener Festwochen zuzumuten. Ich habe ja mit Bedauern sehen müssen, dass Wien verloren geht.

SN: Was macht er gut?

Thomas Drozda: Markus Hinterhäuser macht eine gute Mischung aus Bewährtem und Neuem, er ist für neue Strömungen offen, trotzdem hat er ein pragmatisches Verständnis und ein Bekenntnis zu Qualität, um das wichtigste Festival der Welt zu programmieren. In Reihen wie den "Kontinenten" hat er bewiesen, wie man Publikum auch zu wenig Bekanntem hinführen kann. Am Ende ist es aber nicht die Frage, ob ich glücklich bin, sondern ob das Publikum glücklich ist. Seine bisherige Arbeit gibt begründete Hoffnung, dass er auch für Modernes und Innovatives Publikum findet und dass er die Salzburger Festspiele für junges und neues Publikum öffnet.

SN: Sehen Sie für die Salzburger Festspiele irgendwo Änderungsbedarf? Mehr oder weniger Subvention, mehr oder weniger Inhalte? Kartenpreise?

Thomas Drozda: Es ist ein sehr gut funktionierendes Festival mit extrem hoher Eigenfinanzierung. Der Präsidentin (Helga Rabl-Stadler) ist es über die Jahrzehnte gelungen, ein Rekordvolumen an Sponsoring zu lukrieren. Dass Kartenpreise teils exorbitant sind, wissen wir. Umso wichtiger sind Vermittlungsprogramme für Jugendliche und jene, die sozial nicht so gut gestellt sind.

SN: Und eine Valorisierung der Subvention?

Thomas Drozda: Ich bin ein Freund der Valorisierung. Das ist für einen Ressortverantwortlichen wenig überraschend, und als jemand, der 20 Jahre auf der anderen Seite gewesen ist (als Kaufmännischer Geschäftsführer des Burgtheaters und Generaldirektor der Vereinigten Bühnen Wien), weiß ich, wie wichtig eine Valorisierung in personalintensiven Bereichen ist. Nach 10 Jahren mit realem Wertverlust von je 2 Prozent ist ja ein Viertel der Subvention weg. Der Finanzminister kennt meine Haltung. Wir versuchen, Schritt für Schritt in diese Richtung zu kommen.

SN: Präsidentin Rabl-Stadler hat angekündigt, sich für weitere Vertragsverlängerung zu bewerben. Was halten Sie davon?

Thomas Drozda: Das Ausschreibungsverfahren nehme ich ernst. Sie hat bisher hervorragende Arbeit geleistet, sie ist erfahren und qualifiziert und wird als Favoritin ins Rennen gehen. Daher begrüße ich ihre Wiederkandidatur.

SN: Wie teilen Sie Ihre Zeit auf Kulturminister und Regierungskoordinator auf?

Thomas Drozda: In guten Zeiten sind es etwa 75 zu 25 (Prozent), dann wieder 50 zu 50. Montage und Dienstage sind mit Koordinieren und Vorbereiten des Ministerrats ausgefüllt. Ich versuche, mich von Mittwoch bis Sonntag auf die Kür zu konzentrieren.

SN: Kunst und Kultur sind Kür?

Thomas Drozda: Was meine persönliche Leidenschaft betrifft: Ja, klar!

Das Interview führte Hedwig Kainberger