Fotos von Marion Kalter

Marion Kalter

HERSTORY, 1978-2015, aus der Serie Herstory: 6 Pigment Prints, zwischen 21,5 x 31cm und 59 x 39 cm (© Marion Kalter, Bildrecht Wien, BKA)

Herstory

Die Fotoporträts außergewöhnlicher Frauen (...), Komponisten (…), Sänger und Musiker…, die Marion Kalter bei Proben, Konzerten oder in Gesprächen zu Hause bei ihnen realisiert hat, zeichnen sich durch eine spürbare Nähe und Vertrautheit aus, die die Fotografin mit den von ihr porträtierten Künstlern zu schaffen verstanden hat. Ein solches Vorgehen ist der Ausdruck ihrer Suche nach Selbstfindung, die ihr ganz offensichtlich am Herzen liegt.

Die festgehaltenen Momente (beruflicher oder alltäglicher Art) werden zu Landschaften, in denen die Zeit zum Stillstand kommt. Parallel dazu dehnt Marion Kalter (im Alter von 23 Jahren) die oben erwähnte Suche aus, indem sie sich selbst vor ihrem Objektiv in Szene setzt.

Den äußeren Rahmen bildet dafür ihr Elternhaus, das sie von oben bis unten durchstöbert, aber nicht etwa mit der Absicht etwas zu enthüllen, sondern zu vertiefen. (…) Die Intimität als Rückkehr verkörpert sich in der Gegenwart, jede Szene der Kindheit wird neu interpretiert. (…) Die mit Hilfe eines Spiegels realisierten Selbstporträts (mit dem Fotoapparat in der Hand oder auf einem Stativ und dem Kopf in einem Bilderrahmen) erinnern an die Geschichte der Fotografie, insbesondere an die der amerikanischen aus den Jahren 1975/76… Lange Zeit zuvor… Der Vater mit der Maske von Groucho Marx neigt den Kopf, er weiß, dass er bald nach Amerika zurückkehrt, sein Weg und dessen Ende sind auf der an die Wand gehefteten Landkarte hinter ihm abzulesen, der Krieg ist zu Ende.

Ein Sofa, auf dem das Modell ins Objektiv blickt und Selbstbeherrschung wahrt, ehe es sich nackt zeigt. Entblößter Oberkörper, eine Nacktheit, die Liebe ausdrückt, aber auch die Unmöglichkeit, das Auge in Auge auszudrücken, und das zur Schau stellt. Marion Kalter klopft hier an die Tür des Seins.

In jedem dieser Selbstporträts liegt ein Appel an den Anderen. Die Selbstdarstellung entfaltet sich, die möglichen Daseinsweisen behaupten sich in der Folge all dieser der Zeit entrissenen Augenblicke.

Objektive Kälte und Wärme in der Substanz der im Sterben liegenden Zeit verbreiten Schmerz, eine Melancholie der Abwesenheit, zeugen von Trauerarbeit, der Suche nach dem Ich. Kein Horizont, "die Weiblichkeit bietet ein Antlitz, das über das Antlitz hinausgeht" (Emmanuel Levinas).

(…) Ein Leben mit seinen Gefühlen, seinem Weg: die Kindheit, die Jugend, die Reife, ohne Mogelei, ohne Unaufrichtigkeit, ohne Betrug, es ist hinzunehmen oder zu entdecken. Es kommt, fließt dahin, geht weiter (ohne den Verlust zu ignorieren), das Engagement, die Illusionen. Die Ereignisse, die die Zeiträume erfüllen. Die Realität, die bei jedem Schritt Spuren hinterlässt, den Körper formt und deformiert, ihn verwandelt.

Ein Fenster ist geöffnet, die Natur ist grau und mit weißen Strichen übersät (im Gefängnis werden die Tage durch in die Wand geritzte Striche gezählt): es regnet.

(Text: Jacques Victor Giraud, Übersetzung aus dem Französischen von Uli Wittmann)

Marion Kalter
*1951 in Salzburg; lebt und arbeitet in Paris und Salzburg. Kunststudium an der Universität Florenz, dem Mount Holyoke College (USA) und der Université de Paris VII. Seit 1977 ist Kalter am Museum Pedagogik (Centre Georges Pompidou) tätig. Seit 1982 als Photokritikerin bei European Photography, davor schon bei Printletter (1975-1982). Veröffentlichung unter anderem bei Photographies, Canal, die Zeit, Art, Du, TagesAnzeiger Magazin, Le Monde. Jüngste Ausstellungen umfassen u.a. die Einzelausstellung SILENT PIECE (ZKM Karlsruhe 2013) und die namensgleichen Einzelausstellungen HERSTORY (ArtBoretum, Argenton sur Creuse, 2014 und Galerie Fotohof, Salzburg 2016). Ihre Werke sind unter anderem Teil der Sammlungen Bibliotheque Nationale (Paris), Stadt Wien, National Gallery London, Französisches Institut Tokyo und (ZKM Karlsruhe.

www.marionkalter.com

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