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Tatiana Lecomte

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Rotbauchliest, 2013/Blauer Paradiesvogel, 2013/Graupapagei, 2013; analoge SW-Fotografien auf Barytpapier, 180 x 124 cm/Leni, 2010 Serie von 19 analogen Farbfotografien, 140,5 x 138 cm (© Tatiana Lecomte, Bildrecht Wien, BKA)

Eine der wichtigsten Errungenschaft der Fotografie, so Susan Sontag, "war ihre Strategie, lebendige Wesen in leblose Dinge zu verwandeln und leblose Dinge in lebendige Wesen". Das Vermögen der Fotografie Vergangenes im Bild zu Leben zu erwecken und gleichsam Leben einzufrieren, zu fixieren, gehört in der Tat zu jenen Ambivalenzen, die das Medium auf so vielfältige Weise charakterisieren. Sie vereint Kunst und Technik, Dokument und Inszenierung, ist objektiv und subjektiv, Bild und Abbild zugleich.

Die Vogelpräparate, die Tatiana Lecomte für ihre Installation Tselem ve Tsilum (Fotografie und Abbild) fotografiert hat, forcieren dieses Spannungsverhältnis zwischen Vivifikation und Mortifikation auf eindringliche Weise. [...] Wenn man eine konzeptuelle Klammer für Lecomtes Herangehensweise in Tselem ve Tsilum benennen müsste, so wäre es die Arbeit mit dem Zweifel, mit dem Ziel, die Codierung von Bildern und deren Rezeption sichtbar oder nachvollziehbar zu machen. Der Zweifel ist das notwendige Korrektiv für den Glauben. Lecomte zweifelt den Glaubwürdigkeitsanspruch der Fotografie an, indem sie dem Betrachter die Transparenz des Mediums und damit die Macht der Bilder vorführt. Man glaubt einen Bunttukan zu sehen, doch was man sieht, ist nicht der Vogel selbst, es ist nicht einmal dessen Imitation in Form eines künstlichen Präparats, sondern ein belichtetes Stück Papier. Wie der Name der Vogelart und die Repräsentation der Farbe, ist die Fotografie nur eine Beschreibung, eine Annäherung an das, was ist. Die Beschreibung kann mal mehr, mal weniger akkurat sein, doch bleiben immer Leerstellen des Nicht-Zeigbaren und der unzureichenden Artikulation. Es sind blinde Flecken zwischen dem Gegenstand und seinem Abbild, zwischen dem Abbild und seiner Betrachtung. Das Bild ist der Schlüssel. (Text: Estelle Blaschke)

Leni

Leni [...] setzt sich aus insgesamt neunzehn Abzügen zusammen, von denen der erste das Detail einer Geste zeigt. Wir sehen eine Hand, die mit Hilfe eines spachtelartigen Löffels eine pulvrige Substanz in die aufgehaltene Hand eines afrikanischen Kindes füllt. Die folgenden Bilder enthüllen einen immer größeren Ausschnitt der Szene – weitere, am Boden sitzende Kinder werden sichtbar sowie der Körper der weißen Frau, die auf einem roten Klappstuhl sitzend das Pulver aus einer goldenen Schüssel reicht. Etwa zur Hälfte der Bildfolge stoppt der Rückwärtszoom, und das "Kameraauge" wandert den Körper der Frau entlang nach oben, bis deren lächelndes und von blonden Locken eingerahmtes Gesicht die rechte obere Bildecke einnimmt. "Leni" ist Leni Riefenstahl, und das der Arbeit zugrunde liegende Foto hält einen ihrer Besuche bei den Masakin-Quisar-Nuba im südlichen Sudan fest, deren "paradiesisches" Leben sie ab 1962 fotografisch dokumentierte. Riefenstahls Afrika-Bildstrecken begründeten ihre internationale Karriere als Fotografin, lösten aber auch heftige Kritik aus. So veranlasste etwa das Erscheinen von Riefenstahls erstem Nuba-Bildband in den USA die amerikanische Autorin Susan Sontag zu ihrem Artikel "Fascinating Fascism", in dem sie erläutert, warum Riefenstahls Porträtierung der Nuba – ihre Fetischisierung des Körpers sowie die Verherrlichung einer Gemeinschaft, in der das Recht des Stärkeren gilt – nahtlos an die Ideologie und Ästhetik ihrer nationalsozialistischen Propagandafilme anknüpft. Die Art und Weise, wie Lecomte einerseits das Augenmerk auf Riefenstahls Geste lenkt, die gleichermaßen gibt wie zuteilt, und andererseits ihren Körper in Szene setzt, stellt gezielt ebenjene Ambivalenz her, die Sontag auch den Nuba-Fotografien attestiert. (Text: Manuela Ammer)

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Serie "Ansicht" C-Prints, je 21,5x16,2 cm, 2008 © VBK, 2010

"Ich glaube nicht unbedingt, dass man etwas sichtbar macht, indem man die "Wirklichkeit" zeigt. Stattdessen gibt es eine eigene Bildwirklichkeit, die für mich brauchbarer ist, um auf das Nicht-Sichtbare zu verweisen." Tatiana Lecomte

Tatiana Lecomte
*1971 in Bordeaux, lebt und arbeitet in Wien. Lecomte studierte von 1995 bis 2002 Universität für angewandte Kunst Wien sowie an der Gerrit Rietveld Academie, Amsterdam (1998-2000). Ihre Ausstellungen umfassen unter anderem die Einzelausstellung TSELEM VE-TSILUM - Museum am Judenplatz (Jüdisches Museum Wien, 2013) und Gruppenausstellungen wie AUS DER SAMMLUNG: LANDSCHAFT -Landesgalerie Linz (2016), MEMORY LAB, PHOTOGRAPHY CHALLENGES HISTORY - Kult3000 Gallery (Ljubljana, 2016) und WHAT WAS DOCUMENTARY BEFORE IS NOW SOMETHING ELSE - Fotograf Gallery (Prag 2015).

Website: tatianalecomte.com